|

Letzte Aktualisierung:
10.12.2011
| |
 |
|
Gemeindeteilet 1983, Table ronde
vom 25. Juni
2011 im Restaurant Sternen, Bolligen
Das OK 100 Jahre SP
Bollligen lud neun prominente Vertreter der SP Bolligen, die die
Gemeindeteilet seinerzeit hautnah miterlebt hatten, zu einer Table
ronde ein. Sie schilderten wie sie diese heftige Zeit erlebt haben
und wie sie heute dazu stehen. Der Anlass wurde moderiert von Adrian
Hadorn, Hansjörg Meyer fungierte als Chronist. Sein Protokoll folgt
im Anschluss an die Bilderstrecke. |
|
Adrian Hadorn, Urs Graf, Max Baltensperger |
|
Jörg Oetterli, Ernst Widmer, Hans Tempelmann |

Ruedi
Lauterburg, Gerhard Schmutz
Hansjörg Meyer, Heidi Jaberg, Res Jenzer |
|
 |
|
Im zweiten Teil
äusserten sich die Teilnehmer zu
einzelnen Kernfragen, die Margret Kiener Nellen aus der Diskussion
aufgegriffen hatte.
|
|
 |
|
|
Teilnehmer des Podiums:
Max Baltensberger, Urs Graf, Heidi Jaberg-Hostettler, Res Jenzer, Ruedi
Lauterburg, Gerhard Schmutz, Hans Tempelmann, Ernst Widmer, Margret Kiener
Nellen
Moderation: Adrian Hadorn
Chronist: Hansjörg Meyer
Gäste: Jörg Oetterli, Willy Portmann, Helmut Baurecker
Kernfragen:
1. Bewegt die Gemeindeteilet von 1983 die Gemüter heute noch?
2. Warum ist die SP damals nicht geschlossen aufgetreten? Waren es vor allem
sachliche oder doch auch persönliche Gründe? Wie hat die SP die Niederlage
verkraftet?
3. Welches waren die Folgen der Gemeindeteilet:
- für die Gemeinde?
- für die SP Bolligen?
Was war positiv und Chance für die Zukunft?
Was war negativ, welches Risiko, welche Nachteile für die Zukunft?
Lehren nach 30 Jahren für heute und morgen: War der Entscheid von 1983
richtig oder falsch?
4. Wenn morgen die Abstimmung „Eingemeindung in Bern“ oder „BIO (Bolligen-Ittigen-Ostermundigen)-Zentralisierung“
stattfinden würde: Was würde die SP empfehlen, wie würde ich stimmen?
Margret Kiener Nellen begrüsst die Anwesenden.
Rückblick aus persönlicher Sicht
Res Jenzer: Ich war nie Bolliger, sondern Ostermundiger. Was damals
geschah, bewegt uns, die damaligen Zeitzeugen, heute noch, die Jungen aber
wohl nicht mehr. Die SP trat damals nicht geschlossen auf, man stritt
teilweise gegeneinander. Junge und Linke waren tendenziell eher für
Beibehaltung des Status quo, ältere eher für Teilung. Die einzelnen
Gemeinden erhielten nach der Teilung weniger Gewicht in der Region. Die SP
wurde geschwächt. Wir lagen einfach nicht im Trend. Heute geht der Trend
Richtung Fusion. Der damalige Entscheid war ganz klar falsch.
Ruedi Lauterburg: Der „Privatkrieg“ zwischen Theo Lehmann und Jakob Knöpfel
stand im Vordergrund. Folgen der Teilung: Die Befürworter propagierten zwar
weniger Verwaltung, aber das Gegenteil trat ein: alle neuen Gemeinden hatten
dann ihre eigene Verwaltung – Parkinson trat auf. Was positiv war: Ich war
seit 12 Jahren in der Sek-Kommission, eine Riesenkommission, das wurde
besser nach der Aufteilung, überschaubarer.
Eine Erinnerung an die persönlichen Animositäten: Mit dem feurigen Elias
fuhren wir im Grossen Gemeinderat einmal durchs Worblental. Dann, bei der
Besichtigung der Lok, pfiff man mich zurück in den Wagen, weil auch einige
SVP-Kollegen auf der Lok waren.
Urs Graf: Für mich ist die Sache längst abgeschlossen. Die
Auseinandersetzungen in Ostermundigen wurden hier weniger beachtet. Die
Steuerfolgen waren wesentlich in der Diskussion. Es war eine
Aufbruchsstimmung in der SP Bolligen unabhängig von der Gemeindeteilung, es
kam etwas in Bewegung. Die Teilung zog sich sehr lang hin und wurde am
Schluss sehr formalistisch, ich zog mich zurück aus der Gemeinde-Politik.
Massgebend für diesen Entscheid waren die gehässige Stimmung in der Gemeinde
zwischen den Bürgerlichen und der SP mit persönlichen Auseinandersetzungen,
sowie meine berufliche Weiterbildung. Die SP gewann nach der Gemeindeteilung
Stimmen in Bolligen, für die SVP ging der Schuss hinten raus. Lehren für
heute: Seriöse und sachliche SP-Politik wurde honoriert, Margret später dann
auch zur Gemeindepräsidentin gewählt. Ich würde den Entscheid nicht
rückgängig machen, obwohl er falsch war. Heute sollte ein Zusammenschluss im
Worblental diskutiert werden.
Max Baltensberger: Ich fühle mich wie ein politisches Urgestein. Ich war
überrascht, dass die Teilung erst 1983 realisiert wurde, offenbar wurde
während 10 Jahren darum gestritten. Aber heute berührt das wohl niemanden
mehr in Bolligen. Die Auseinandersetzung damals war v.a. persönlicher Art.
Theo Lehmann und Jakob Knöpfel waren beide ehrgeizig, bei Knöpfel spielte
wohl auch der „Napoleon-Effekt“. Nach der Teilung gab es aber einen riesigen
Aufschwung der SP in Bolligen, das überraschte auch die bürgerlichen
Parteien. Gegenwärtig würde ich am institutionellen Rahmen nichts mehr
ändern.
Heidi Jaberg: Bei mir spielte sich alles auf emotionaler Ebene ab. Ich
arbeitete auf der Viertelsgemeinde und kriegte diese Turbulenzen mit. Auch
das Personal war unzufrieden, weil es unter den neuen Verwaltungen
aufgeteilt werden sollte. Die Auseinandersetzung war sogar in persönlichen
Geschäftsbeziehungen spürbar, die abgebrochen werden mussten. Je nach
Parteizugehörigkeit grüsste man einander nicht mehr. Ich würde aber den
heutigen Zustand beibehalten, wir hatten stets gute SP-Gemeinderäte in
Bolligen. Auch der Kampf ums Frauenstimmrecht war hart, man warf uns
Befürworterinnen vor, wir seien ja Rote. Heute kann man sich freier äussern.
Gerhard Schmutz: Ich war bis 1963 in Ostermundigen, ab 1970 in Bolligen.
Heute bewegt diese Zeit die Gemüter nicht mehr. Warum trat die SP nicht
geschlossen auf? Es war ein trauriges Kapitel, es ging stets um Macht. Wer
ein Ämtli in der alten Gemeinde hatte, war für den Status quo, wer ein Ämtli
in einer Viertelsgemeinde hatte, war für Teilung. Macht korrumpiert. Auch
die Hauptfiguren Lehmann und Knöpfel stritten trotz allen sachlichen
Argumentationen vor allem um ihre Macht. Die Partei blieb dabei auf der
Strecke. Wenn man sieht, wie heute die politischen Geschäfte in der Gemeinde
Bolligen mit mangelnder Professionalität besorgt werden, dann kommt man zum
Schluss, dass der Entscheid zur Teilung falsch war. Ziel sollte ein
Grossraum Bern sein. Auch Fusionen im Worblental wären nur ein
Zwischenschritt. Interessant ist die Entwicklung der Gemeindefinanzen: zur
Zeit von Margret waren sie positiv, heute sind sie Anlass zu Besorgnis. Das
wäre in einem grösseren Gemeinwesen besser steuerbar.
Res Jenzer: Dass die SP Bolligen stark geworden ist, ist wesentlich Margret
– und den andern SP-Gemeinderäten – zu verdanken.
Ernst Widmer: Heute ist niemand mehr erregt, viele Protagonisten leben heute
nicht mehr. Die Partei erklärte sich mündlich damit einverstanden, dass ich
mich öffentlich für die Verselbständigung einsetzen konnte. Zweites
mündliches Zugeständnis war, dass ich an den Gemeindeversammlungen
Züritüütsch reden durfte. Wir hatten ein gutes Verhältnis im Gemeinderat. Es
ist weitgehend Hans Sterchi zu verdanken, dass das Verhältnis im neuen
Gemeinderat im Allgemeinen gut war. Ich bereue den Entscheid der
Verselbständigung in keiner Weise.
Hans Tempelmann: Leider konnte man damals nicht über eine Zentralisierung
abstimmen – wie im Jahr 1930, als die Bürgerlichen einen entsprechenden
Volksentscheid erfolgreich angefochten hatten. Von 1964-1973 hatte ich als
Vizepräsident und Finanzvorsteher eine tolle Zeit im Gemeinderat der
Viertelsgemeinde Bolligen. Mit Anton Amonn als zuständigem Gemeinderat des
Ressorts Planung konnte die SP Bolligen ihren Einfluss bei zwei
Schlüsselressorts einbringen. Ich wurde bei meinen Plänen bezüglich der
Finanzen stets von Hans Sterchi unterstützt. Die Viertelsgemeinde Bolligen
war damals schuldenfrei! Seither haben sich die Bolliger Finanzen eigentlich
nur noch verschlechtert. Die Verselbständigung war insgesamt kein schlechter
Entscheid. Weder SP noch Gemeinde haben einen Schaden durch die
Verselbständigung erlitten.
Frage Margret Kiener Nellen: Die Viertelsgemeinde Bolligen wurde mit dem
Teilungsvertrag über den Tisch gezogen, z.B. bezüglich der Bewertung der
Liegenschaften, das hatte einen hohen Schuldenstand zur Folge. Stimmt dieser
Eindruck? Und die Steueranlage: Bis heute hat sich einiges verändert. Wenn
das Steuersubstrat nicht verbessert wird, dann wird Bolligen tendenziell
einmal eine höhere Steueranlage als Ostermundigen haben! Wie wurde diese
Steuerdiskussion damals geführt in der SP?
Hans Tempelmann: Beim damaligen Bauboom – z.B. Lutertal, Lindenmatt,
Hühnerbühl, Bodenacker – konnten dank der mit den Bauherrschaften
ausgehandelten Mehrwertabschöpfungen und einer konstant unveränderten
Steueranlage die Infrastrukturinvestitionen für die Erschliessung der
grossen Neubaugebiete, die Erstellung von Kindergärten, aber auch die
finanziellen Verpflichtungen gegenüber der im Aufbau befindlichen ARA und
KEWU der Region Worblental aus Eigenmitteln finanziert werden. Anfangs der
1970-Jahre musste für das Bauprojekt der Schulanlage im Lutertal erstmals
Fremdkapital aufgenommen werden.
Jörg Oetterli: Als wir 1972 nach Bolligen kamen, war fühlten wir uns in
einer kleineren, ländlichen Gemeinde, der Moloch Einwohnergemeinde war für
uns im Bolliger „Alltag“ nicht so präsent. Neben Diskussionen pro und kontra
Verselbständigung ging es auch um andere Alternativen des Status quo – z.B.
um einen Anschluss von Ostermundigen an Bern oder die Aufhebung der
Viertelsgemeinden. Mein Verhältnis bei der Abstimmung war zunächst relativ
gespalten. Ich stimmte dann aber für die Beibehaltung des Status quo, weil
einzelne für mich wichtige Sachfragen, z.B. Gymnasium oder Sportzentrum, von
den Vorkämpfern für die Verselbständigung dem politischen Kampf geopfert
worden sind, was mich im Hinblick auf die künftigen Entwicklungschancen von
Bolligen störte. Insgesamt finde ich aber heute, dass die Verselbständigung
für Bolligen nicht schlecht war.
* * *
Margret Kiener Nellen nimmt einige Punkte aus der Diskussion auf:
Zu Frage 2: Die SP Bolligen wurde gestärkt, insbesondere durch eine
bedürfnisorientierte Politik, es war auch eine tolle Clique. Andererseits
fiel das Wort „Krieg“, man war froh, als alles vorbei war. Wie war es nun?
Ernst Widmer: Es gab kein Zerfleischen in der Parteibasis, der Streit fand
zwischen Knöpfel und Lehmann statt.
Ruedi Lauterburg: Die Grosswetterlage war nicht für SP, die Bürgerlichen
fanden, in Bolligen habe es nach der Verselbständigung ja dann keine
Arbeiter mehr. Es ging aber nicht nur um die Parteigrössen Knöpfel und
Lehmann, sondern auch um Auseinandersetzungen zwischen der SP und den
bürgerlichen Parteien.
Res Jenzer: In Ostermundigen gab es einen Graben durch die SP. Es war ein
heftiger Kampf. Meine Familie wurde angefeindet, bis hin zu aufgeschlitzten
Pneus, Belästigungen in der Schule und via Telefon! Deshalb zogen sich nach
der Abstimmung dann auch viele Leute aus der Politik zurück. Ittigen ist
kaum vergleichbar, da es sich um eine räumlich kleine Gemeinde handelt, die
mit der Swisscom als Steuerzahlerin finanziell sehr gut gestellt ist.
Gerhard Schmutz: Wir erlebten auch ständig Belästigungen, als wir in
Ostermundigen lebten, auch in der Schule kam es zu schlimmen Szenen,
zwischen Lehren und einzelnen Eltern und ihren Kindern.
Adrian Hadorn: Wie war es nun? Es gab einerseits Emotionen, andererseits
aber auch sachliche Diskussionen.
Ruedi Lauterburg: Bolligen hatte einige „Sargnägel“: Linde Habstetten,
Bantiger Hubel, Schulhäuser, Gemeindehaus. Der Start als selbständige
Gemeinde war mühsam, weil Bolligen diese Liegenschaften übernehmen musste.
Ernst Widmer: Offiziell steht allerdings in den Unterlagen, dass die
Übernahme dieser Liegenschaften für die beteiligten Gemeinden tragbar sei.
Zu Frage 3: Was waren nun die Folgen der Gemeindeteilet für die SP Bolligen?
Res Jenzer: Wir hatten aber auch Einigkeit im Grossen Gemeinderat in
bestimmten Geschäften, so beispielsweise im Zusammenhang mit einer heiklen
Einbürgerung, die mit einem einstimmigen Beschluss endete. Und dies während
der Auseinandersetzung um die Gemeindeteilet.
Zu Frage 4: Beim Blick in die Zukunft erfolgten sehr unterschiedliche
Vorschläge: Von Status quo bis hin zu Zentralisierung mit Bern. Wie geht es
weiter?
Gerhard Schmutz: Bei der heutigen Mobilität und Vernetzung ist eine
Zentralisierung, ein weiterer Blick über die Gemeindegrenzen hinaus
notwendig, eine Vision in den Grossraum Bern.
Ernst Widmer: In der Raumplanung ist dies offensichtlich. Dieser Trend zu
Grossräumen – hier zum Hauptstadtraum Bern – ist da.
Jörg Oetterli: Ich habe dazu eine Studie mit einem Kollegen gemacht.
Überschaubarkeit, Bürgernähe, Teilhabe am politischen Leben waren wichtige
Erkenntnisse. Daher ist die Schaffung von grossen Gebilden nicht nur
vorteilhaft. Bei der Raumplanung ist ein grösserer Zusammenhang hingegen
offensichtlich nötig, allerdings müsste die Kompetenzverteilung anders
geregelt werden, der Bund hat heute zu wenige Kompetenzen. Ich bin bezüglich
der Zentralisierung daher gespalten.
* * *
|